Gleis gehts weiter
- Rebecca Blanz

- vor 5 Tagen
- 3 Min. Lesezeit
Vor einer Stunde dachte ich noch so „Hm. Du hast so viele Ansätze für Blogtexte, aber irgendwie nichts Zündendes“ und ZACK: Deutsche Bahn liefert.
Ich könnte mittlerweile ein ganzes Buch schreiben über das Zugfahren und vielleicht mache ich das eines Tages auch – vor ein paar Jahren habe ich mal angefangen, Verspätungssongs aufzunehmen am Gleis, aber dafür fehlt mir mittlerweile wohl die nötige Resilienz. Oder der Mut. Man weiß es nicht.
Gerade sitze ich jedenfalls im Zug nach Leipzig, wo ich bei der diesjährigen Wagner Festwoche (Richard Wagner hat am 22. Mai Geburtstag) mitmachen darf im Rahmen eines Wagner-Nachwuchsprogramms. Ich freue mich da sehr drauf und bin auch ein wenig aufgeregt, das ist für mich keine kleine Sache; aber vor allem war ich noch nie so wirklich in Leipzig. Endlich klappt es mal!!
Generell freue ich mich auf die Reise, denn ich liebe Zugfahren. Muss ich allerdings auch, ich mache das schließlich sehr viel.
Jetzt sitze ich also im ICE und als wir daheim losfuhren, war alles noch normal. 20 Minuten Verspätung, Klassiker, Zugbindung aufgehoben, umso besser.
Kaum waren wir aber losgefahren, ging es los: „Ja, sehr geehrte Fahrgäste, ich sage es nochmal, das hier ist ein Ersatzzug: Wir fahren nur bis Frankfurt, dort bitte alle aussteigen und bei Bedarf in den richtigen Zug umsteigen. Über die genauen Bedingungen informiere ich Sie rechtzeitig.“
Ich hatte mich noch gewundert, warum die Frau vor mir am Gepäckregal so kühn sagte „Ach ich mach den Koffer da unten nach vorne, wir fahren ja eh alle nur bis Frankfurt“, während mir ein sehr netter sächsischer Herr mit meinem Koffer half und sagte „Nä, alsö wir fahrn bis Leipzsch“ – ein Glück!
Ja. Pustekuchen.
Kurz vor Frankfurt kam dann die Durchsage „OK, also wir werden in Frankfurt auf Gleis 10 ankommen und Sie begeben sich dann einfach auf die andere Seite des Bahnsteigs auf Gleis 11, wo dann Ihr eigentlicher Zug bereitgestellt werden wird.“ Ein Glück!
Ja. Pustekuchen 2.
In Frankfurt Stadion dann die Durchsage: „Nichts ist so beständig wie die Veränderung, ach herrjemine, Sie müssen auf Gleis 9. Und ja, fluchen Sie ruhig, das ist auf einem anderen Bahnsteig!“
Leises hysterisches Gelächter brach aus und eine Dame meinte schon, sie sei sehr gespannt auf die englische Übersetzung von „ach herrjemine!!“, während ich mich schon darauf vorbereitete, mit meinen insgesamt vier Taschen einen Halbmarathon hinzulegen.
Wie einige vielleicht wissen, ist Frankfurt ein sog. Kopfbahnhof, also nur mit einem Ende und ohne Rolltreppen zwischendurch. Neu war mir, dass es aber weiter hinten doch Treppen für die Bahnsteigwechsel gibt, diesmal wirklich ein Glück. So fand ich mich mit gefühlt 200 Leuten in einem dezent ungut riechenden Durchgang unter den Gleisen des Frankfurter Hbf wieder. Und stieg wieder empor zu Gleis 9.
Mit diesen 200 Leuten. Kaum waren alle oben, nahm das Schicksal seinen Lauf.
ZACK plötzlich war unser Zug für Gleis 10 angekündigt, also da, wo wir gerade herkamen.
Also alle wieder runter.
Dann hieß es auf Gleis 10 „Nene Sie müssen zu 9“, also alle wieder zurück.
Kennt ihr diese Szene im Film „König der Löwen“, wo eine Gnuherde auf Simba und Mufasa zurennt? Exakt so war das. Irgendwer fing irgendwann an, die Tetrismelodie zu singen, und ich hab nur noch gelacht. Vier Taschen und zig Treppengänge waren einfach zu viel für mein Nervenkostüm.
Jemand sagte unten auch „Ich bleib jetzt einfach hier stehen“, während ein Großteil der Leute panisch von einem Gleis zum anderen und wieder zurück lief, um bloß nichts zu verpassen.
Am Ende kam dann der Zug. Auf Gleis 9. Und Gott sei Dank hatte ich mich irgendwann für das richtige Gleis entschieden, denn natürlich stand auch nirgendwo was bzw. erst ca 90 Sekunden vorher.
Dass die Wagenreihung das komplette Gegenteil war von dem, was da angeschlagen stand, war schon total egal, die Verspätung von mittlerweile 30 Minuten sowieso.
Wie bei besagter Herde brüllte unten im Durchgang dann auch jemand „HIER IST RICHTIG, ALLE HIERHER“ und man verbündet sich ja dann so mit Leuten. Dieses besondere Reisegruppefeeling hat man nur bei der Deutschen Bahn.
Ich bin absolut nicht wütend, denn es ist schon ein Fortschritt, dass die Bahn diesen Ersatzzug zur Verfügung gestellt hat, damit die Reise überhaupt stattfinden kann, und es haben auch alle mit Humor genommen.
Vor allem der Zugführer jetzt im „richtigen“ Zug. Der sagte nämlich einfach: „Ja. Da sind Sie also alle. Wir wissen es, Sie wissen es, ich wünsche Ihnen eine gute Fahrt!“
Und ich hoffe, ich komme jetzt einigermaßen entspannt in Leipzig an – meine Reisegruppe reist im selben Waggon, Grüße gehen raus!
In meinem Kopf singt Christiane Weber. Ihr wunderbares Chanson „ICE“. Und weil ich das sowieso nicht mehr aus meinem Kopf bekomme, lade ich euch ein, meinen Ohrwurm mit mir zu teilen, hier kommt er: ICE (Christiane Weber).




Wunderbarer Text, obwohl eigentlich keine wunderbare Erfahrung. Wie entspannt Du das genommen hast, Hochachtung! Über die Deutsche Bahn, doch auch über die Dänische und die Schwedische Staatsbahn könnte ich viel Lustiges berichten...