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Rosenheim.

22. Sept.
5 Min. Lesezeit

 

Ich sollte eine eigene Reihe über Ereignisse in Zügen aufmachen.

Vor 10 Jahren hatte ich mal eine Videoserie mit Verspätungssongs, die ich umgedichtet hab, als ich wartend am Gleis stand – viele haben es gefeiert.

Gestern jedenfalls war auch wieder einer dieser Tage. Ich musste von daheim nach Wien. Ich fahre wirklich gerne Zug und diese Distanz nach Wien ist genau so groß, dass ich eigentlich denke, Fliegen bringt einem nicht wirklich einen zeitlichen Gewinn. Zudem kann man im Zug hervorragend arbeiten und Dinge erledigen sowie die Landschaft genießen. Also dann.

Morgens wachte ich schon auf, fühlte mich nicht ganz hervorragend und dachte „Hm. Vielleicht solltest du heute gar nicht erst losfahren“, aber mein Alter Ego hat gewonnen und ich machte mich auf.

 

Blöderweise wurde schon zwei Stunden vor Abfahrt angezeigt, dass der Zug 20 Minuten Verspätung hat. Naja. Egal. Erstmal zum Bahnhof fahren und im Zweifel gibt es ja immernoch die Lounge, sodass ich entspannt bei einem Heiß- oder Kaltgetränk warten kann, ohne viele Menschen und im Zweifel schlechtes Wetter.

Das war morgens um 8.

Am Ende hatte dieser erste Zug 40 Minuten Verspätung und es war klar, ich bekomme meinen Anschluss in München nicht mehr. Naja. Egal. Erstmal nach München fahren und im Zweifel gibt es ja immernoch die Lounge, sodass ich nicht endlos an diesem überfüllten (ich sag nur Wies’n) Kopfbahnhof warten muss.

In München angekommen, hatte ich wiederum 40 Minuten Umstiegszeit. Für alle, die auch mal von München nach Österreich fahren, sei hier gesagt: Es ist absolut ratsam, früh da zu sein, denn in der Regel ist dieser Zug wahnsinnig voll.

Auch gestern wieder. Durch die vorherige Verschiebung hatte ich zwar bereits eine Stunde Verspätung, aber auch Zeit, pünktlich an diesem Zug zu sein und mir den vermutlich letzten nicht reservierten Platz zu sichern.

Kurz nach mir betrat ein Abiturjahrgang aus Duisburg den Zug. Wie sich rausstellte, waren die auch schon mit mir im Zug davor gewesen und mit mir in München gestrandet. Neben mir war noch ein Platz für eine Person, die in Salzburg einsteigen sollte.

Ein Junge aus dem Abijahrgang fragte „Ist hier noch frei?“ und auf mein „Ja, bis Salzburg“ zögerte erst, aber setzte sich dann.

Eine Entscheidung, die sich als für ihn noch glorreich herausstellen sollte.

 

Nachdem der Schaffner durchgesagt hatte, dass der Zug überfüllt sei und man doch bitte im Zweifel aussteigen solle, fuhren wir eine Minute später ab.

Alles gut.

 

Bis Rosenheim.

Kennt ihr Rosenheim? Die ZDF-Fans werden sicherlich die Rosenheim-Cops kennen, meine ehemalige Mitbewohnerin (Grüße!) hat das immer zum Einschlafen geschaut und wenn die Melodie losging im Nachbarzimmer, wusste man, ok gleich ist Nachtruhe.

Rosenheim also. Wir standen. Lange.

Irgendwann kam eine Durchsage, es habe einen unbekannten Notruf gegeben, keiner wisse was Genaues, aber wir müssen eben stehenbleiben.

Der Abijahrgang wurde gelinde gesagt unruhig.

 

Das Gute an diesen Situationen der Bahn ist, dass sich irgendwie ergibt, dass die Leute sich zusammentun, auch wenn sie sich überhaupt nicht kennen.

Schon bei Abfahrt in München hatte ich festgestellt, dass meine Sitznachbarn in meinem Vierer extrem nett und unterhaltsam waren – ein Herr und eine Dame aus Österreich, sich gegenseitig ebenfalls unbekannt, sowie der mathelernende Abiturient.

Der Hinweis, das sei ein Ruheabteil, war ohnehin hinfällig bei den 50 Leuten zu viel im Waggon und so machten wir uns eine nette Zeit. Wir reichten Kreuzworträtselhefte aus dem Nachbarvierer durch, unterhielten uns über Abitur, Matura und Mathe, erzählten unsere schlimmsten Bahn-Anekdoten.

 

Irgendwann kam dann der Einruf, es KÖNNTE ein Baum auf die Strecke fallen und deshalb müssten wir die Räumungsarbeiten abwarten. Ein Junge aus dem Abijahrgang forschte sofort nach und fand heraus, dass diese Arbeiten 1-3 Stunden dauern würden. Vor 16:30 könne man nicht weiterfahren, so wurde es auch kurz später durchgesagt. Sprich, die Türen wurden geöffnet.

Am Bahnsteig begannen Leute, auf Stromkästen Karten zu spielen, Essen zu holen etc.

Gott sei Dank hatten wir nicht auf offener Strecke halten müssen!

Mittlerweile waren es laut Durchsage 3 Bäume, die drohten, auf die Strecke zu fallen.

Man munkelte, die Bäume hätten den unbekannten Notruf abgesetzt, denn anders konnte man sich sowas nicht erklären.

 

Der Herr aus meinem Vierer hatte allerdings mehrere Geschichten davon erzählt, dass ein Zug auch schon öfter ohne ihn weitergefahren sei und deshalb war die Hemmschwelle doch recht hoch, den Zug zu verlassen.

Irgendwann überwog aber der Leidensdruck und ich stieg aus, um mir einen Kaffee zu holen.

Besagter Herr kam mir dann auch noch entgegen.

Von den Schülern hatten sich einige entschlossen, zu McDonald’s zu gehen.

 

Aber dann: Nach anderthalb Stunden Warten, ging es plötzlich weiter. Ohne Durchsage. Der Herr mir gegenüber war ungelogen eine Minute vorher zurückgekommen und stand kurz unter Schock. Allerdings hatten die Schüler im McDonald’s anscheinend nicht so viel Glück und die Abigruppe wurde auseinandergerissen. Und oh Wunder: Mein mathelernender Nachbar war noch da, denn er hatte natürlich seinen Sitzplatz verteidigt und war deswegen überhaupt noch im Zug. „Nur mal kurz bis Salzburg“ waren dann doch drei Stunden, alle anderen mussten stehen (oder waren halt weg). Es half aber ja nichts, wir fuhren weiter.

 

Bis Salzburg. Wo der Zug unerwartet endete, weil die Verspätung zu groß war.

Naja. Egal. Erstmal schauen, wie es weitergeht, und im Zweifel gibt es die Euro-Lounge, wo man ja auch warten kann.

Aber nein: Mittlerweile war meine neue Reisegruppe reduziert, wir waren noch zu zweit, und erwischten tatsächlich einen Zug, der nur ein paar Minuten später fuhr. Und wir erwischten die letzten Plätze im Bordrestaurant.

Im Zug davor hatte ich noch Witze gemacht, wann denn jemand mit Häppchen und Getränken vorbeikommt, diesen Service hatten wir dann jetzt.

Wir waren mittlerweile wirklich super fertig, ich war zu diesem Zeitpunkt seit über 8 Stunden unterwegs (normalerweise fährt man insgesamt nur 7) und meine Begleiterin genauso wie ich total überreizt von den ganzen Menschenmassen.

Aber im Restaurant wurde es dann besser.

Wir unterhielten uns sehr gut und nach 5 Stunden haben wir uns einander dann auch mal vorgestellt – das ist ja ein weiteres Paradoxon: Man durchlebt in der Bahn die wildesten Sachen, aber weiß meistens nicht, wie die anderen heißen.

 

Der Zug fuhr dann, in St. Pölten stieg witzigerweise noch ein Freund von mir zu, mit dem ich am Tag drauf eh verabredet war. Und der Zug fuhr. Bis einen Halt vor Wien Hauptbahnhof. Und endete.

Zu dritt schafften wir dann irgendwie auch noch, zum Hbf zu kommen, definitiv im Stadium „Nach müde kommt doof“ befindlich.

Meine Begleitung, nennen wir sie Franziska, musste tatsächlich sogar mit der U-Bahn auch in meine Richtung und fast bis zum Schluss fuhren wir zusammen.

Wir haben Nummern ausgetauscht und werden uns nochmal auf einen Kaffee treffen, auch um das alles zu verarbeiten.

Wir haben uns gegenseitig geschrieben, als wir angekommen sind. Und mit nur zarten 3 Stunden Verspätung war ich dann in Wien.

Und bin heute früh mit einem sensationellen Blick auf Berge und Wasser aufgewacht.

Gott sei Dank bin ich gefahren.

Sonst hätte ich alldas nicht erlebt, keine neuen Menschen kennengelernt und vor allem nicht diesen Blick gehabt.

 

Naja. Egal. Was meint ihr? Soll ich die Reihe aufmachen?

 

 

 
 
 

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